Während draussen leise der Schnee rieselt, mach ich mich mal dran, die 5 Songs der laufenden Hörsturz-Runde zu begutachten. Insgesamt der zwölfte Durchgang, für mich der zweite Lauf.
Major Parkinson – 197 (von beam)
Möchte mir das jetzt gefallen oder eher nicht? Kann mich nicht entscheiden. Witziges Liedchen, irgendwie, aber auch ziemlich wirr, sowohl optisch als auch musikalisch. Faszinierend, aber ich merk auch, wie's mir auf die Nerven geht. Ich sag mal: 3 Points
WhoMadeWho – Keep me in my plane (von Kamil)
Wieder mal so eine Band, von der ich bisher nur gelesen hab. Schon der Name schreckt ab. Wer macht sich bitte freiwillig namensgleich mit einem absolut grausamen Song der an sich nur schwer ertragbaren AC/DC?
Fängt auch irgendwie aufdringlich uninspirert an. Sedierte Scissor Sisters? Spätestens beim Refrain mit Toaster war es dann zu spät: Refrain des Tages. Definitv der beste Song dieser Runde. Ich befürchte, ich werde mir das dazugehörige Album gekauft haben, bevor ich diesen Beitrag fertig habe. 4,5 Punkte
Janus – Anita spielt Cello (von Konna)
Musste den ganzen Song lang mit mir kämpfen, ihn nicht abzustellen. Musikalisch ja ganz nett, könnte gefallen. Textlich? »Anita ging nicht mit den anderen ins Gas.« Weil Anita offenbar zum Lagerorchester gehört, die es ja tatsächlich in diversen KZs gegeben hat. Esther Bejarano hat im Orchester in Ausschwitz gespielt und so überlebt. Zwei Konzerte hat sie in den letzten Jahren in Heideblüten-City gegeben, vor fünf Jahren hab ich mit ihr ein paar Worte wechseln können; im letzten Jahr war die Anti-Rechts-Initiative, in der ich sporadisch aktiv bin, Mitveranstalter. Vor dem Leben dieser Frau kann man eigentlich nur den Hut ziehen: Respekt.
»Anita spielt täglich dem Teufel ein Lied« – und je länger ich zuhöre, je mehr habe ich das Bedürfnis, dem Sänger richtig in die Fresse zu hauen. Ich bin ansonsten ein sehr friedliebender Mensch. Hier aber werd ich das Gefühl nicht los, dass da jemand dieses Lied und diese Geschichte genüsslich zelebriert, um sich in diesem Pathos zu suhlen, sich an Vorstellung, wie es eine Seele zerreißt, an der Todesangst, den Schuldgefühlen und an diesem Elend, aufzugeilen. Widerlich, krank – und eine Verhöhnung der Menschen, die ähnliches tatsächlich durchlebt haben. 0 Punkte
Runrig – Hearts Of Olden Glory (von Stoffel)
Runrig haben einige sehr schöne Songs geschrieben. Dieser gehört nicht dazu. Völlig uninspiriert, plätschert belanglos dahin. Wo Runrig-Songs normalerweise nochmal durchstarten, hört dieser einfach auf. Ist vielleicht auch besser so. Wenn man die Geschwindigkeit etwas hochpitcht, kommt vermutlich »A Dance called America« bei raus.
Das hätte sicher 3-4 Punkte abgeräumt. Aber dieser? Weils Runrig ist: 1,5 Punkte
Vic Chesnutt – Yesterday, tomorrow and today (von Postpunk)
Wäre er nicht kürzlich verstorben und in diesem Zusammenhang durch diverse Blogs gereicht worden, hätte ich ihn vermutlich nicht wirklich wahrgenommen. Nun taucht er hier mit einem Song auf, der gut hörbar und mächtig »bittersweet« ist. Voll mit Traurigkeit, zu viel, um es häufiger hören zu wollen. Oder halt für sehr spezielle Stunden, in denen man sich genauso fühlt. 3 Punkte.
Durchschnitt von 2,4 ist nicht so dolle. Aber bei anderthalb Totalausfällen auch nicht verwunderlich.
Für die nächste Runde ist vorgeschlagen, das jede/r einen Song einer Band aus dem eigenen lokalen Umfeld vorschlägt. Eigentlich eine gute Idee. Kann man Songs im Myspace-Player direkt verlinken? Dann hätt ich was.
[Update] Es wären einige Bands in die Auswahl gekommen, mal abgesehen von Klaus Lage, der auch Kind dieser Stadt ist, aber ich wollte dann doch was nehmen, dass ich auch selber gerne höre. Mein Vorschlag sind deshalb: Die Stiele aus Heideblüten-City. »Das Blatt« ist leicht absurd, eingängig und hat es im letzten Jahr geschafft, auf Platz eins meiner 12-Monats-last.fm-Charts zu kommen.
Nachschlag?
who took the ram from the ramalamadingdong? Hörsturz Runde 13
Projekt Hörsturz: die Weihnachts-Ausgabe
Torture! Torture! It pleasures me! ;-)
But we're willing to wait on you: Hörsturz Runde 16
Welcome to the days of weariness: Hörsturz Runde 17
Everything is gonna burn... (Soundtrack 1989)
If you find yourself in hell... KEEP RUNNING! – Hörsturz Runde 18











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Danke, ich wollte es nicht ganz so hart formulieren, aber bei Janus hatte ich genau die gleichen Gedanken!
Und die Befürchtungen das aktuelle Whomadewho Album kaufen zu müssen klingen spätestens nach dem ersten mal Durchhören ab und verwandeln sich in ein befriedigendes Wohlbefinden. Vor kurzem gab es beide Alben für je 7€ bei dem großen Internetbuchhändler.
“an diesem Elend, aufzugeilen”?
Das Lied erzählt doch einfach eine wahre Geschichte? Das ist so als würdest du behaupten der Film “Schindlers Liste” geilt sich am Elend auf.
Die Zeile “Anita spielt täglich dem Teufel ein Lied” zeigt doch lediglich, dass Anita,die es ja wirklich gegeben hat, nach all den Gebeten zu Gott, die nicht halfen nun sogar bereit ist an den Teufel zu appellieren.
Mit Verlaub, ich befürchte du hast den Text nicht richtig verstanden oder fehlinterpretiert.
Hat Frau Lasker-Wallfisch einen Satz wie “ich habe dem Teufel ein Lied gespielt” selber von sich gegeben? Wenn nein (und das ist meine Vermutung) ist das schon das erste Problem mit dem LiedTEXT.
Mein eigentliches Problem mit dem Lied ist weniger die erzählte Geschichte, sondern die Art, wie sie vorgetragen wird.
Das Kuscheln in und mit dunklen, morbiden Gefühlswelten ist meines Erachtens typisch für dieses musikalische Genre. Dieses virtuelle Emo-Tum, das sich statt Pulsadern Hirnwindungen 'aufschneidet', um sich im herbeigesehnten Schmerz wahlweise selbst zu spüren oder dahin zu entfliehen. Darauf kann ich gar nicht – und im Zusammenhang mit diesem historischen Stoff ist das absolut daneben.
Mir ist aber aufgefallen, dass ich noch ein ganz anderes Problem mit dem Song habe:
Das Lied nimmt keine Stellung zu der geschilderten Geschichte – und das ist vermutlich das viel größere Unding.
So wie der Text geschrieben ist und die Band das vorträgt, verhält sich Janus wie Sensationsreporter, die ganz dicht ans Geschehen gehen und mit der Kamera direkt drauf halten, um alles aufs Tape zu bekommen. Als Hörer bleibt mit den heftigen Eindrücken des Liedes alleine.
Da der Song keine Stellung bezieht, kein moralisches Urteil fällt, das Unrecht nicht als Unrecht herausarbeitet (weder sprachlich, und schon gar nicht in der Art des Vortrages), kann sich also jeder Nazi hinstellen und sagen: “Jawoll, genauso war's damals, so muß man mit den Muselmanen umgehen, war genau richtig! Geiler Song!”
Wenn man aber einen Song über Nazi-Unrecht macht, den im zweifelsfall auch Nazis toll finden können, ist mit dem Song was falsch.
Also zwei Kritikpunkte:
a) Aufgeilen am Leid anderer
b) Keine Stellung beziehen, wo es dran ist
[...] dehkah [...]
[...] letzten Hörsturz hab ich Konna’s Songvorschlag heftig zerissen, sein Blogseminar ist aber ne nette Idee, deren [...]
[...] Of Utopia). Sein Anspiel-Tip »Young Again« passte prima in mein Beuteschema, aber das dachte ich letztens bei »Keep me in my plane« bei seinen Landsmännern von Who made Who? auch, kaufte das Album und [...]